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Tanina Rottmann
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Serie [Dokumentation, Festival]

Absolutes Fiasko: Woodstock '99

Menschen tanzen vor einem großen Feuer

Netflix
Dokumentation, Festival, Fiasko

Eine weite, kahle Einöde...der graue Boden ist übersäht von Müll: PET-Flaschen, Trümmerteile, Überreste von Zelten...Ein weißes Auto liegt auf dem Dach...Zwei einsame Arbeitskräfte stehen ratlos vor dem Chaos, ein News-Reporter kratzt sich fassungslos am Kopf... "Wie konnte das passieren?" Diese Frage scheint in der Luft zu schweben, doch keiner hat eine Antwort. Schon früh gibt uns die dreiteilige Doku "Ein Absolutes Fiasko: Woodstock '99" ein Bild davon, wie diese Geschichte enden wird. Was als größtes und spektakulärstes Festival der Welt geplant war, endet als absolute Katastrophe. Und das ist nicht irgendeine Story.

Ein Desaster in drei Akten

Drei Folgen voller kleiner und großer Katastrophen liefert uns die Doku und die Länge ist perfekt, um den Zuschauern einen kleinen Ausflug ins wohl frustrierendste Festival der amerikanischen Geschichte zu bieten. Eigentlich fängt alles ganz harmlos an - mit dem Wunsch, das friedliche Hippie-Fest von '69 zu wiederholen, wird ein neues Festival ins Leben gerufen. Doch die Veranstalter entpuppen sich als profitorientiert und fernab der Realität. Nicht nur das größtenteils rock-orientierte Line-Up des Festivals führt zu einer unentspannten Atmosphäre, auch zahlreiche Fehler in der Organisation, der Versorgung und der Planung verschlimmern die Situation auf dem Festival-Gelände zusehends. Extreme Hitze und zu wenig Wasser, keine ausreichenden sanitären Anlagen, und eine zunehmend schlechte Stimmung unter den Festivalgästen führen zu mehr und mehr Katastrophen. Und die steigern sich bis ins absolute Fiasko, das auch zum Namen dieser Doku führte.

Eine Ebene übersät von Müll
Netflix © 2022

Chaos, Versagen und Verletzte

Woodstock '99 hat unmittelbare Serien-Verwandte, beispielsweise die Fiasko-Doku Fyre Festival. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: die Opfer der Ausschreitungen sind größtenteils unbedarfte Jugendliche. Immer wieder ist man versucht vor Fassungslosigkeit loszulachen, bis einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Vor allem die zunehmende Belästigung von Frauen, das aggressive Verhalten gegenüber den überforderten Angestellten und das Verhalten mehrerer Künstler sorgen für schockierende Bilder. Unterlegt wird das von Interviews mit nahezu allen Beteiligten: Gäste, Veranstalter und Künstler. Die vielschichten Perspektiven und die direkte, unverblümte Erzählweise sorgen für ein starkes, eindrückliches Narrativ.

 

Eine Frau wird von Sicherheitsbeamten über die Absperrung gehoben
Netflix © 2022

Ein Portrait der menschlichen Abgründe

Drei Tage unter unwirtlichen Bedingungen reichen aus: in der zunehmend aggressiven Masse entsteht eine wahnsinnige Eigendynamik, die sich bald zu einem zornigen Mob entwickelt. Obwohl man die Entwicklung Folge für Folge miterlebt, geht am Ende alles erschreckend schnell. Plötzlich steht alles in Flammen, die Menge tobt, und die versammelten Musikfans werden zu einem anarchischen Haufen animalischer Randalierer. Die Veranstalter haben ein Monster erschaffen. Ihre Einnahmequelle wird zu ihrem Verhängnis.

Die Doku ist unheimlich stark darin, das bedrückende Gefühl von Bedrohung zu vermitteln, das sich schließlich in akute Gefahr verwandelt. Wenn die Situation am Ende eskaliert, bleibt einem der Mund offen stehen - und nach der Doku braucht man erstmal ein großes Glas Wasser. Der blanke Wahnsinn: fantastisch eingefangen und aufgearbeitet, aus zahlreichen Perspektiven.

Fazit: Absolute Binge-Empfehlung. Eine der stärksten Netflix-Dokus zeigt uns den Niedergang einer Großveranstaltung - und das ist sowohl schockierend als auch wahnsinnig spannend.  


Unsere Serien- und Film-Expertin

Hannah Schürkamp - Film-Enthusiastin & Studentin (Geschichte, Englisch)

Hannah Schürkamp sitzt auf einem Sofa und schaut zur Seite
Foto: Sebastian Schütte

Nach zwei Semestern Medien-Studium habe ich mich schlussendlich dagegen entschieden, beruflich am Set zu arbeiten - meine Begeisterung für Filme und Serien hat dadurch jedoch nicht abgenommen. Egal welches Genre, ob Streaming, Kino oder DVD, Hollywood-Klassiker oder Low Budget-Produktion: sowohl gute als auch weniger gute Filme schaue und diskutiere ich unvoreingenommen und mit viel Liebe für die Sache.

Über Anregungen und Kommentare freue ich mich!