Responsive image

on air: 

Philipp Bernstein
---
---
streaming-review-tiger-king-netflix
Serie [Dokumentation, True Crime]

Tiger King: Großkatzen und ihre Raubtiere

Joe Exotic posiert mit einem Tiger

Netflix
zwei Staffeln, insgesamt 13 Folgen

Dokumentation, True Crime

"Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler."
Mit diesem William Shakespeare-Zitat möchte ich das Review für eine Serie einläuten, die in ihrer glorreichen Fatalität einem antiken Drama gleicht. Jede Dokumentation träumt davon, eine Geschichte einzufangen, die in ihrer Ekstase und Dramatik an die verschrobene Parallelwelt von Tiger King reicht. Gelingen tut das den wenigsten, denn Tiger King - seit dieser Woche ein Drama in zwei Akten - erschafft ein Fenster der Erleuchtung. Tiger King ist wie Vivaldis Frühling, eine vielschichtige Sinfonie, gespielt von einem halbnackten DJ um drei Uhr nachts im Bierkönig. Nichts passt hier zusammen: die Akteure, die Story, die Politik. Tiger King ist ein grandioser Unfall, und die Definition des Genres Guilty Pleasure, das sich die Finger nach genau diesen Abgründen des menschlichen Seins leckt. Ja, vielleicht ist unsere Welt eine halbdunkle, zwielichtige Bühne im Keller einer billigen Absteige, und ihre Spieler sind Menschen wie Joe Exotic und Jeff Lowe, die eine Geschichte vor die Kamera bringen, die sich anfühlt, als würde der Cast von Cats! eine Hommage an Ben Hur spielen.

Joe Exotic telefoniert aus dem Gefängnis
Quelle: Netflix

Aber genug Geschwafel. Was ist Tiger King?

Die erste Staffel begleitete uns schon durch den ersten Lockdown: im März 2020 erschien damals die Dokumentationsserie über Joe Exotic, einen amerikanischen Privatzoo-Betreiber. Aufgrund seiner Haltung diverser Großkatzen und exotischer Tiere entstand eine leidenschaftliche Fehde mit Tierrechts-Aktivistin Carole Baskin, die sich in Anfeindungen im Internet und auch persönlichen Auseinandersetzungen äußerte. Die Serie begleitete Joe Exotics Weg ins Gefängnis, der von zahlreichen Verschwörungen und Verwicklungen gesäumt wurde. Nicht nur das mysteriöse Verschwinden von Baskins Ex-Mann, sondern auch die zwielichtigen Bekannten des Tiger Kings lieferten jede Menge Stoff für abstruse, teilweise haarsträubende Geschichten und Spekulationen. Am Ende ist eigentlich nur eines klar: Joe Exotic wird verurteilt. Und gerade, wenn man denkt, zu einem Punkt zu kommen, räumt plötzlich Staffel 2 das Feld nochmal von hinten auf.

Hobby-Detektiv Jack "Ripper" in seinem Homestudio
Quelle: Netflix

Wiedersehen mit alten Bekannten

Joe Exotic tritt in der 2. Staffel nur noch als verpixelter Gesprächspartner am Gefängnis-Telefon auf. Stattdessen gibt es neue Akteure, zum Beispiel einen Hobby-Detektiv auf YouTube oder einen weiteren, kriminellen Zoobesitzer. Aber es gibt auch ein Wiedersehen: zwei weitere Folgen beschäftigen sich erneut mit dem Geheimnis um Carole Baskins Ex-Mann und überprüft verschiedene Theorien auf ihre Wahrheit. Natürlich geht es auch um die Auswirkungen des massiven Erfolgs der ersten Staffel. Free Joe Exotic-Kampagnen, Ex-Freunde und Angestellte kommen abermals zu Wort und kämpfen für die Freilassung des angeblich zu unrecht verurteilten Tiger Kings. Und dann gibt es natürlich noch seinen Zoo, der aktuell von Jeff Lowe geführt, aber bald an Carole Baskins überführt wird. Und die Entwicklungen, die hier vor sich gehen, lassen einen mit offenem Mund zurück. Tiefer und tiefer rutscht man in diese seltsame Parallelwelt aus Redneck-Attitüden und amerikanischen Provinzlern und plötzlich spannt sich ein beinahe mafia-artiges Netz aus Konspirationen und Verschwörungen um das Geschäft mit den Großkatzen. Im Gewand einer klassischen, seriösen True Crime-Doku treten hier Gerichtsvollzieher und Staatsanwaltschaft auf und kommentieren die Pläne, einen Strip Club im Tigerkäfig zu eröffnen. Der Rechtsanwalt hat mal einen JetSki im Fernsehen gewonnen, der Staatsanwalt ist leidenschaftlicher Elvis-Imitator und die Doku bringt all das schamlos zur Sprache, lässt die Figuren unkommentiert, und sagt damit viel mehr, als es jedes Voice Over könnte. Ein Charakter scheint wahnsinniger, als der nächste. Es ist kaum vorstellbar, dass all diese karikierten Figuren tatsächlich irgendwo in Amerika leben und gegenseitige Mord-Anschläge planen, weil sie ihre Babytiger-Show in Gefahr sehen.

Und die Moral von der Geschicht?

Normale Menschen gibt's hier nicht! Jeder scheint irgendwo Dreck am Stecken zu haben. Den Ex-Mann an die Tiger verfüttert? Großkatzen die Krallen amputiert? Einen Auftragsmord fingiert? Am Ende scheint wirklich alles möglich. Die Abgründe der Menschlichkeit, die Tiger King eröffnet, lassen vor allem Mitleid für einen zurück: nämlich für die exotischen Tiere, die wieder und wieder Opfer der verantwortlungslosen Handlungen werden. Staffel 1 kommentierte hier zwar noch wesentlich mehr, aber auch die zweite Staffel lässt es sich nicht nehmen, immer wieder auf die furchtbaren Umstände hinzuweisen, die die Großkatzen durchleiden müssen. Am Ende ist keine Sympathie mehr übrig für irgendeinen der Beteiligten. Aber man kann aufatmen, wenn man die Tiere endlich in Sicherheit weiß.

Die Doku weiß, was sie tut. Jedes Interview ist in perfektem Timing eingespielt, jede Folge bringt neue Fakten und Beobachtungen - die zweite Staffel ist keine erzwungene Gelddruckmaschine, sondern verfolgt tatsächlich die neuen Ereignisse seit der ersten Ausgabe. Tiger King erzählt keine poetische Geschichte oder ein politisch nachhaltiges Drama: es ist das abstruse Lügenwerk eines Netzwerks aus abstoßenden Menschen, die ihr Umfeld zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen.

Man kann nicht stolz darauf sein, Tiger King zu lieben.

Es war der kleiner Voyeurist in mir, der nicht abschalten konnte, sobald die erste Episode über den Bildschirm flimmerte.

Tiger King ist das Renaissance-Gemälde des Trash-TV.

 

Fazit:  Absolute Binge-Empfehlung. Tiger King ist die Definition von "Guilty Pleasure": eine Ode an den Wahnsinn.